HANS H. DIEBNERs SEITE ZUR PERFORMATIVEN WISSENSCHAFT
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INTERFAZIOLOGIE / ENDOPHYSIK:

Kurze Erläuterung meiner Position:

Als Schüler von Otto E. Rössler, der neben seinen wesentlichen Beiträgen zur Chaosforschung das Konzept der Endophysik eingeführt hat, liegt es nahe, zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Ich fühle mich mit meiner Forschung zwischen Kunst und Wissenschaft, die ich performative Wissenschaft nenne, der Tradition der Endophysik verpflichtet, lege aber Wert auf eine wesentliche Differenz. Rösslers Endophysik ist ein rationalistisches Konzept, bei dem Körperlichkeit keine Rolle spielt. Ich versuche mit der performativen Wissenschaft einen Anschluss an die Fundamentalontologie Heideggers zu schaffen, die weder von der Materie, noch vom Bewusstsein als entia per se ausgeht, sondern Sein als "transendens schlechthin" bezeichnet. Heideggers "In-der-Welt-sein" ist gewissermaßen Endophysik, aber doch im Hinblick auf die zentrale Position des "Existenzials" von Rösslers Konzept verschieden. In einer Hinsicht sind sich Fundamentalontologie und Endophysik einig: Es geht beiden um eine Überwindung der Subjekt-Objekt-Dichotomie. Rösslers (rationalistisches) Konsistenzprinzip bedeutet einen (zwar monistischen aber m.E. dennoch problematischen) Rückzug auf das Bewusstsein. Die Subjekt-Objekt-Trennung ist Grundlage der traditionellen Naturwissenschaft und selbst in der oft in diesem Zusammenhang erwähnten Quantenmechanik oder in der Relativitätstheorie m.E. nicht wirklich aufgehoben. Im Zusammenhang zur Endophysik sind die Konzepte der allgemeinen Systemtheorie von Ludwig von Bertalanffy und die Kybernetik zweiter Ordnung von Heinz von Förster als wichtige Vorarbeiten zu nennen.

Obwohl "Kunst & Wissenschaft" (als ein Begriff der Fusion oder Verhandlung) immer mehr thematisiert wird, befürchte ich eher eine Ausweitung der Spaltung dieser "two cultures". Das Thema polarisiert. Von 1999 bis 2005 forschte ich als Physiker am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, wo Kunst und Wissenschaft sehr intim beieinander sind. Lange Zeit ging ich (etwas naiv) davon aus, dass solch eine Kooperation bald akzeptierter Standard sei. Tatsächlich beobachte ich derzeit eine Zunahme ziemlich polemischer Abgrenzungsversuche in Bezug auf Kunst & Wissenschaft. Diese Abgrenzung geht von der Theorie aus und ist oftmals sogar nachvollziehbar, denn in einigen Fällen ist die rein taktische Benutzung von "Kunst & Wissenschaft" unter dem Deckmantel der Symbiose oder Synergie offensichtlich. Gute Resultate der "Kooperation" sind bisher selten. Glücklicherweise betrifft die Ablehung nicht so sehr die Praxis in Kunst und Wissenschaft, sondern eher die Theorie (Kunstwissenschaft, Wissenschaftstheorie), denn ansonsten wäre die Chance verspielt. Oft sind die Ablehnungen der Theorie auch kategorisch, was niemanden weiter bringt.

Selbstverständlich sind die Vorbehalte zum Teil begründet. Sie gehen z.B. auf die oft beobachtete Reduktion von "Ästhetik" auf "Schönes" durch die Naturwissenschaftler zurück. Ausserdem lehnen sich häufig die Kybernetik und bisweilen die Gehirnforschung weit aus dem Fenster, wenn sie beanspruchen, die Erkenntnistheorie in ihren Gegenstandsbereich zu überführen. Beispielsweise benutzte der Kybernetiker Heinz von Förster den Begriff "KybernEthik", um auf die Integration von Kybernetik und Ethik (wenn nicht sogar Philosophie als solche) hinzuweisen. Auch Kunst wird bisweilen aus der Kybernetik heraus "erklärt". Andererseits finden sich auf der künstlerischen Seite interaktive Medieninstallationen mit denen, so der Anspruch, ein wissenschaftlicher Beitrag geleistet werde, die tatsächlich aber oft nur Technikfetischismus und/oder Entertainment darstellen.

Um es noch einmal deutlich zu wiederholen: Kunst und Wissenschaft sind in ihrer Natur völlig verschieden. Die fruchtbare Beziehung resultiert aus der Komplementarität. Die Oszillation zwischen den beiden Kompartimenten des komplementären Paars bereicherte die kulturelle Evolution schon immer, obwohl es selbstverständlich auch Kunst um der Kunst willen (l'art pour l'art) gibt. Innerhalb der so genannten Medienkunst kann aber eine für die Technologie interessante Tendenz zum "Herauswinden aus der Verdinglichung" ausgemacht werden. Man denke hier z.B. an die Installationen von Nam June Paik. Konzepte hinter einer solchen Medienkunst erachte ich als nützlich, um Reibungsverluste bei der Gestaltung von Interfaces durch die Konstruktion von "kritischen Interfaces" von Anfang an zu reduzieren. Meinen Überlegungen lege ich eine hermeneutische Vorgehensweise zugrunde.

Performative Wissenschaft versucht in diesem Sinne eine Kollaboration von Kunst & Wissenschaft zu etablieren. Damit findet auch und vor allem der physikalische Zeitbegriff eine existentielle Erweiterung. Der wichtigste Unterschied von Kunst & Wissenschaft ist nämlich m.E. die Annahme einer homogen gegebenen Zeit in der Physik einerseits, in der die Ereignisse beschrieben werden und eine diskrete, durch die Ereignisse erzeugte Zeit in der Kunst andererseits. Mit anderen Worten: Wissenschaft beschreibt Ereignisse als Etwas, das sich IN der Zeit ereignet, während in der Kunst die Ereignisse selbst Zeit generieren. Die prozessuale Natur des Daseins kann nicht mit der retrospektiven Methodologie der Wissenschaft beschrieben werden. Viele Wissenschaftler wissen (oder ahnen) das und weichen auf mystisches Vokabular aus, welches zwar "Wissenschaftlichkeit" suggeriert, aber doch tendenziell vitalistische Züge annimmt. Ist angesichts des Bruchs am Interface die Kapitulation unumgäglich? Nein, wenn man Mut zu offen-kausalen (performativen) Konzepten beweist, also einer Daseins-basierten Endophysik.


Cum grano salis, was ist der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft?

Kunst erzeugt Zeit!

Wissenschaft annihiliert Zeit!



Naturwissenschaft wäre ohne Ergodizitätsannahme aufgeschmissen. Ergodizität gestattet, die Zeit wegzutransformieren, um stationäre Phasenraumstrukturen zu diskutieren. Transiente Übergänge zwischen den stationären Zuständen werden vernachlässigt. Der bekannte biophysikalische Systemtheoretiker Ilya Prigogine hielt diese transienten Phasen aber für essentiell im Hinblick auf lebende Systeme und stellte die Nützlichkeit der Ergodizitätsannahme in Frage. Er wurde dafür heftig aus den eigenen Reihen attackiert (siehe Bricmont) und im Kollektiv mit einigen zeitgenössischen Philosophen und Soziologen von Sokal und Bricmont als postmoderner Denker, der die Wissenschaft missbrauche, beschimpft. Neben Prigogines Arbeit ist ein vielversprechender Ansatz auch die chaotic itinerancy, wie sie von Ichiro Tsuda diskutiert wird. Auch diese kommt ohne Ergodizität aus.

Prozess ist gleichzusetzen mit der Einführung von "Differenzen", das heißt Gegenstand eines "Interface-Problems". Otto Rössler benutzt Interfaziologie und "Endophysik" synonym. Eine vergleichende Studie von Rösslers und Heideggers Arbeiten zeigen auf, dass es essentielle Übereinstimmungen bezüglich der Schnittstelle (Differenz) gibt. Mein Ansatz ist daher als Synthese von Rösslers und Heideggers Arbeiten zu verstehen. Hierbei ist das Mikro-Makro-Interface in gewisser Hinsicht ein fundamentales, weshalb ich in Anlehung an Heideggers Fundamentalontologie hier von einer "Fundamental-Interfaziologie" spreche.

Wenn wir also den Begriff des "Interfaces" benutzen, dann meinen wir damit in einem zunächst abstrakten Sinne die Grenze zwischen mindestens zwei medialen Halb-/Teil-räumen, die je einer anderen internen Repräsentation (Beschreibung) genügen, so dass eine Kommunikation zwischen den Halbräumen nur über ein interpretierendes Interface möglich ist. Die ontologisch spannende Frage ist, wie das Sein über das Seiende (also wie sich das Sein präsentiert) und der damit (im Normalfall) einhergehenden Re-Präsentation zugänglich (zu entbergen) ist. Aber ohne dieses ontologische Problem zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken, gilt auf jeden Fall, dass wir ständig Schnittstellen (allein die vielen technischen) ausgesetzt sind, an denen Interpretationen (aber auch Fehlinterpretationen) stattfinden. Auf dem Interface finden sich Symbole und Zeichen (z.B. icons auf dem Computermonitor), die Anschlussfähigkeit zu beiden Halbräumen haben, aber meist nicht mit unendlicher Präzision.

Das Interface ist primär, sagt Otto E. Rössler: "Die Welt ist das Interface". Tatsächlich meint Rössler also das ontologische Interface (vergleichbar aber m.E. nicht identisch mit der ontisch-ontologischen Differenz von Heidegger). Das Micro-Macro-Interface, also der Anschluss an die Beschreibungsebene der ununterscheidbaren Elementarteilchen, sowie das "Jetzt" stellen fundamentale Interfaces dar. Mikro- sowie Makrobeschreibungen sind Interpretationen von etwas, wie es auf dem Interface zur Erscheinung kommt. Wenn man den metaphysischen Standpunkt einer "first principle Theorie" (nach Rene Descartes) einnimmt, dann begibt man sich in ein Problem der Zirkularität oder Selfreferentialität. Luhmanns systemtheoretischer Ansatz versucht dieses Interfaceproblem unbefriedigend durch einen unendlichen Regress von Beobachtungen von Beobachtungen zu lösen. In meinem eigenen Ansatz beziehe ich den fundamental-ontologischen Standpunkt, bei dem ich gemäß Heidegger vom "Dasein" als transendens schlechthin ausgehe. Die "Verhandlung" zwischen den beiden Halbräumen ist (nicht nur beim fundamental-ontologischen Problem) ein hermeneutischer Prozess. Die Verwendung konkreter (technischer) Interfaces resultiert in eine "operationale Hermeneutik".

Abschliessend sei noch auf die Nähe der Endophysik zu Aspekten der Philosophie von Gilles Deleuze, der wiederum die Gedanken von Gottfried Wilhelm Leibniz aufgriff, erwähnt. Auf Leibniz geht die Vorstellung vieler Welten zurück, die potentiell möglich sind, aber eben nur eine davon aktualisiert wird - nämlich die, die wir erleben - und dass damit Kontingenz und Optimum nicht in einem Widerspruch steht. Wir Menschen stehen vor dem Problem der Kontingenz. Dass bei der tatsächlichen Wahl des Weltverlaufs ein Optimum (die beste aller möglichen Welten) gewählt wird, begründet Leibniz über ein metaphysisches Konzept, das mit der Vorstellung eines nicht-malignen Gottes zusammenhängt.

Leibniz hat also eine Lösung "für das Problem kontingenter Zukünfte und für die Zähmung des Chaos, der reinen Zufälligkeit vorgeschlagen. Wenn es nämlich zutrifft, dass das, was geschieht, bestimmbar und damit notwendig und zugleich eine Variante aus dem Reservoir des Möglichen ist, so sind zwar [alle Welten] gleichmassen möglich, aber nicht zusammen möglich, das heisst 'kompossibel'. Sie sind möglich nur in strikt voneinander geschiedenen Welten, die selbst wiederum nicht gemeinsam in Raum und Zeit möglich sind und also 'inkompossibel' sind. Mit dieser Vielfalt möglicher Welten - die nicht zusammen möglich sind - ist das Chaos gefiltert, der Zufall begrenzt." (Vogl 2007).

Deleuze faltet nun gewissermassen alle Möglichkeiten kompossibel in einen einzigen rhizom-artigen - also nichtlinearen (fraktalen oder chaotischen) Erzählstrang. Es entstehen hyperdimensionale Räume oder Netzwerke. "Für die Moderne gehören, schreibt Deleuze, die Gabelungen, die Divergenzen, die Inkompossibilitäten, die Unstimmigkeiten zur selben 'buntscheckigen' Welt. [...] Man hat es hier also nicht mehr mit einer barocken Vielfalt möglicher Welten zu tun, sondern mit einer modernen und endlichen Welt alles Möglichen." (Vogl 2007). Es werden also divergente Geschichten gleichzeitig erzählt, es gibt ein "System, das auf Systeme von Systemen verweist" (Vogl 2007). Deleuze benutzt im Rahmen der Vorstellung, dass die kontingenten (möglichen) Welten kompossibel sind, zusätzlich zu dem komplementären Paar der "Potentialität" und "Aktualität", den Begriff der "Virtualität". Otto Rössler hat mit der auf Chaos beruhenden Endophysik, die ebenfalls eine Kompossibilität vieler möglichen Welten ganz im Sinne von Deleuze darstellt, eine "Weltveränderungsmaschine" propagiert, die daraus resultiert, dass auch bei Rössler die Möglichkeiten nicht inkommposibel sind, sondern vergleichbar der Virtualität bei Deleuze kompossibel und damit nicht hermetisch getrennt von einander sind. Die utopischen Installationen in der Medienkunst werden daher zurecht von Claudia Giannetti (2004) mit dem Begiff der Endoästhetik belegt. Rössler's Endophysik spielt daher mindestens für einen philosophischen bzw. medientheoretischen Diskurs virtueller Realitäaten eine beachtliche Rolle. Der Physik hingegen versperrt sich meist einem solchen Diskurs ontologischer Tiefe, oder mit Heideggers Worten: "Die Wissenschaft denkt nicht".

Zitierte Literatur:
Claudia Giannetti: Ästhetik des Digitalen - Ein intermediärer Beitrag zu Wissenschaft, Medien- und Kunstsystemen. Springer Verlag, Wien, 2004.
Joseph Vogl: Was ist ein Ereignis? In: Peter Gente and Peter Weibel (Hrsg.): Deleuze und die Künste. Suhrkamp, Frankfurt, 2007, pp. 67-83.

EINE LINK- UND LITERATURLISTE ZUM THEMA "INTERFACE":

Barbara Bolt: Art Beyond Representation - The Performative Power of the Image. I.B. Tauris, London, 2004.

Hans H. Diebner and Ichiro Tsuda: Fundamental Interfaciology: Indistinguishability and Time's Arrow. Proceedings of "Foundations of Information Science" (2005).

Hans H. Diebner, Timothy Druckrey and Peter Weibel (Eds:): Sciences of the Interface. Genista-Verlag, Tübingen, 2001.

Hans H. Diebner and Sven Sahle: On the role of the micro-macro-transition and control processes for understanding the interface. In: H.H. Diebner, T. Druckrey and P. Weibel (Eds.), Sciences of the interface. Genista-Verlag, Tübingen (2001), pp. 261-271.

Wolfgang Ernst: Unmasking Interfaces: Archeological Moments of Knowledge. Proceedings of "Interfacing Knowledge: New Paradigms for Computing in the Humanities, Arts and Social Sciences."

Ian Kirk: What is an Interface? An approach via interpreting the movie "Minority Report."

The Aesthetics of Interface Culture. Institute of Aesthetic Studies, Aarhus University, Denmark.

Otto E. Rössler: Endophysics: The World As an Interface. World Scientific Pub Co, Singapore, 1998.

Marta Feher, Olga Kiss and Laszlo Ropolyi (Eds.): Hermeneutics and Science. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht, 1999.